01: Gedanken zur Corona-Diskussion

26. Dezember 2020
Foto: privat
„Ich meine, es liegen immer Menschen auf der Intensivstation. Jetzt liegen sie da halt wegen Corona. Aber deswegen das ganze Theater machen, halte ich für übertrieben.“
 
Ein herzerfrischendes Gespräch, vor wenigen Tagen aufgeschnappt im Supermarkt, zwei Frauen, mittleres Alter, Bildungsbürgertum. Ich bin wirklich froh, dass ich in einem Land lebe, das über so viele Virologen und Pandemie-Experten verfügt! Nicht vorstellbar, was wäre, wenn man sich nur auf die Erkenntnisse von Ärzten, Intensivmedizinern und Wissenschaftlern verlassen müsste.
 
Was, wenn aber doch alles anders ist und sich die wohlstandsverwahrlosten Muttis im Supermarkt irren, weil sie das Glück haben, eine Intensivstation noch nie von innen gesehen zu haben und schon gar nicht in den letzten Wochen?
 
Was, wenn die Berichte der angeblichen Lügenpresse doch gar nicht gefälscht und von finsteren Mächten gelenkt sind, sondern schlicht und ergreifend gilt: Es gibt Corona, unser Gesundheitssystem ist am Limit, es sterben täglich hunderte Menschen, und es muss nicht, kann aber auch für jüngere Menschen gefährlich sein?
 
Was, wenn die Politiker in diesem Land mit einer ihnen bis dato unbekannten Herausforderung konfrontiert sind, für die es keinen Masterplan und Erfahrungsschatz gibt, auf den sie zurückgreifen können, und sie einen verdammt schmalen Weg finden müssen zwischen schwer zumutbaren Einschränkungen und wirtschaftlichen Einbußen auf der einen und Bevölkerungsschutz und Aufrechterhaltung des Gesundheitssystems auf der anderen Seite? Was, wenn das Virus womöglich durch Mutationen die Spielregeln ändert und vermeintliche Erkenntnisse und Maßnahmen ad absurdum führt? (wobei all das auch kein Freifahrtschein sein kann oder eine Entschuldigung dafür sein darf, keine grundlegende Strategie für den Umgang mit der Pandemie zu finden oder z.B. das Pflegepersonal mit warmen Worten und einem feuchten Händedruck abzuspeisen)
 
Und was, ja was, wenn diese ganze Pandemie hausgemacht ist und unser Umgang mit der Natur, die von uns angerichteten Umweltzerstörungen, Bevölkerungswachstum und dadurch entstehender Kontakt mit Wildtieren ursächlich sind und Pandemien in Zukunft vermutlich eher häufiger als seltener auftreten werden?
 
Was, wenn das Virus uns allen den Spiegel vorhält und wir, wenn wir ehrlich und selbstkritisch hinschauen, erkennen, dass es nicht funktioniert, unserem Planeten immer mehr zu entnehmen als er zu geben imstande ist?
 
Was, wenn die Frage, ob wir beim Einkaufen eine Maske aufsetzen müssen oder eine Zeitlang aus Rücksicht auf andere weniger mobil und sozial sein können, unser kleinstes Problem ist?
 
Was, wenn Corona in Wirklichkeit bei allem Leid „nur“ ein Nebenkriegsschauplatz ist angesichts der größeren, strukturellen, existenziellen Herausforderungen, vor denen wir stehen und an denen alle ein ordentliches Stück Mitverantwortung tragen – inklusive jeder Person, die das hier liest, und mir, der ich das schreibe?
 
Was, wenn wir unbequeme Wahrheiten anerkennen würden?
 
Was, wenn wir anstatt unsere Energie für empathieloses Gefasel zu vergeuden, endlich ziemlich viele Übel unserer Lebensweise an der Wurzel packen würden?
 
Was, wenn wir anstatt in Selbstmitleid zu versinken hoffnungsvoll und optimistisch daran glauben, dass wir zu mehr imstande sind, dass wir das besser hinkriegen?
 
Was, wenn uns dafür die Zeit davon läuft und der Wandel jetzt starten und mehrheitlich von uns allen geplant, getragen und umgesetzt werden muss?
 
Verzweifeln wir dann angesichts der unlösbar scheinenden Aufgabe? Lehnen wir uns selbstgefällig zurück und leugnen die Fakten?
 
Oder packen wir es an?
 

Veröffentlicht von Moritz Pfeiffer

Radsport, Geschichte und Zukunft - das sind meine Themen.

2 Kommentare zu „01: Gedanken zur Corona-Diskussion

  1. Lieber Moritz,

    du hast den aktuellen Stand unserer Gesellschaft/Welt und deren/ihre Probleme auf den Punkt gebracht. Besser kann man es kaum zusammenfassen.

    Und es bleibt keine Zeit, damit wir uns erst Mal von Corona erholen und nichts tun. Damit unser Planet für uns und die Generationen nach uns nicht einen Zustand erreicht, in dem nur noch Chaos herrscht und alles, was wir kennen und lieben, nicht mehr vorhanden ist, muss genau jetzt von uns allen gemeinsam etwas getan werden. Es mag unbequem und beschwerlich sein, sich an große Veränderungen zu wagen, diese mit zu tragen und für noch größere Änderungen zu kämpfen. Aber es gibt keine Alternative. Sonst kommen diese Umwälzungen schneller als uns lieb sein kann und wir können sie nicht mehr steuern.

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    1. Hallo Susanne, vielen Dank für Deinen Kommentar, schön von Dir zu hören! Dass ich Deine Meinung teile, ergibt sich schon aus meinem Blogbeitrag 😉 Und ich glaube, es liegt an uns allen, die so denken, das Gesagte auch umzusetzen, zu fördern und zu fordern – durch unser Wahlverhalten, Investitionsverhalten, unseren Konsum, unsere Mobilität, unsere Positionen im Gespräch mit Familie, Freunden, Bekannten, Nachbarn etc. Ich will optimistisch bleiben, dass wir die Kurve kriegen, wenn eine Mehrheit mitzieht! 😉

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